Umar Al-Muchtâr

24/02/2019| IslamWeb

Lasst ihn, tötet nicht einen alten Mann, der über 70 Jahre alt ist! Welche Sünde hat er begangen? Er tat nichts, außer dass er seine Heimat und seine Religion verteidigte. Sie leisteten dem Ruf der Barmherzigkeit keine Folge. Sie richteten ihn vor seinen Familienangehörigen und seiner Sippe hin. Sie ließen die Menschen nicht ihre Trauer ausdrücken. Sie hielten die Tränen in ihren Augen zurück. Sie töteten den kämpfenden Helden, sie töteten die Macht und den Edelmut. Wie böse ist, was sie taten! Er opferte sein Leben für die Freiheit seines Landes und den Einsatz um Allâhs willen und wünschte, dass er Allâh als Märtyrer trifft. Dann verwirklichte Allâh seinen Wunsch.

Er wurde im Jahre 1275 n. H./1858 n. Chr. in Al-Butnân in der libyschen Kyrenaika von rechtschaffenen Eltern geboren. Der Wille Allâhs sah vor, dass Umar Al-Muchtâr als Waise aufwuchs. Denn sein Vater verstarb während seiner Reise nach dem Haddsch, nachdem er einem seiner Freunde seine beiden Kinder Umar und Muhammad anbefohlen hatte, die in Zanzûr wohnten und dort lernten.

Umar ging zur Ortschaft Al-Dschaghbûb, um sein Studium zu vollenden. Er blieb dort acht Jahre, in denen er den ehrwürdigen Qurân auswendiglernte und die islâmischen Wissenschaften studierte. Während des Studiums zeigten sich seine hehren Charaktereigenschaften. Da Umar Al-Muchtâr das sittliche Vorbild des Islâm befolgte, liebten ihn die Führer des Sanûsî-Ordens, die die Schlüsselstellungen in Libyen übernommen hatten. Sie hatten Vertrauen zu ihm. Daher nahm ihn der Herr Muhammad Al-Mahdî As-Sanûsî mit, als er nach Al-Kufra aufbrach, wobei er Vertrauen zu ihm hatte und ihn zum Stammesführer von Al-Qusûr im Dschabal Achdar ernannte.

Im Jahre 1911 besetzte die italienische Kolonialmacht Libyen, die viele Abscheulichkeiten beging und Unheil auf Erden stiftete. Die libyschen Kämpfer begannen den Verteidigungskampf. Die Führer des Sânûsî-Ordens in Bengasi und an anderen Orten riefen die Stammesführer zum bewaffneten Kampf auf. Umar Al-Muchtâr leistete schnell dem Ruf Folge und zeigte bei seinem Kampf gegen den usurpatorischen Kolonisten einzigartige Tapferkeit und große Fähigkeit zum Kampf, denn er glaubte an das Recht seiner Heimat auf Freiheit und Ehre.

Umar Al-Muchtâr übernahm die Führung der Kämpfer und begann für seine Anhänger Pläne zu fassen. Am Anfang verteidigte er und wartete für den Feind die Schicksalswendung ab. Wenn die italienischen Soldaten aus ihren Stellungen herauskamen, stürzten sich die Kämpfer auf sie wie Falken, kämpften erbittert gegen sie und nahmen ihnen die Waffen ab, die sie brauchten. Nachdem der erste Weltkrieg im Jahre 1914 begonnen hatte, überraschten die Kämpfer die italienischen Truppenlager und ließen Aufstände in den Orten, die die Italiener besetzt hatten, auflodern.

Der Fürst Idrîs As-Sanûsî reiste im Jahre 1922 nach Ägypten, um sich medizinisch behandeln zu lassen und Ägypten um Hilfe zu bitten. Er ernannte Umar Al-Muchtâr zu seinem Stellvertreter. Umar Al-Muchtâr ordnete die Reihen der Kämpfer nach den aufeinanderfolgenden Angriffen der Italiener, nahm die Kämpfer, ging mit ihnen nach Dschabal Achdar und errichtete einen Militärstützpunkt und Zentren für die Ausbildung Kriegsfreiwilliger. Die Leute kamen zu ihm aus allen Gegenden, damit sie sich am Dschihad gegen den Kolonisten beteiligen.

Für jeden Stamm ernannte er einen Führer aus diesem Stamm. Die Stammesführer verständigten sich, dass Umar Al-Muchtâr ein genereller Führer für alle Kämpfer wird, nachdem sie geschworen hatten, dass sie bis zu ihrem Tod kämpfen, damit sie ihre geehrte Heimat aus den Klauen der Kolonialisten befreien. Der Kampf zwischen den Kämpfern und den Italienern nahm an Heftigkeit zu. Die Schlachten Ruhaiba, Aqîra Al-Matmûra und Kirissa – Namen von Orten in Dschabal Achdar – gehörten zu diesen größten Schlachten, die in der Gegend von Dschabal Achdar stattfanden und alle mit dem lahmen Rückzug der Italiener endeten. Dadurch zollten die Kämpfer Umar Al-Muchtâr noch mehr Respekt. Sie umgaben ihn und verpflichteten sich, ihm beizustehen.

Der Held Umar Al-Muchtâr blieb nicht tatenlos. Vielmehr setzte er den Kampf fort. Warum sollte er den Kampf auch nicht fortsetzen, wo es doch vor seinen Augen Formen der Abscheulichkeiten, Brutalitäten und Arten der Pein gab, die die Italiener an seinem Volk verübten! Denn sie töteten tausende Menschen, schändeten viele andere, entehrten die Frauen, sperrten viele Männer und Frauen ins Gefängnis, erniedrigten die alten Leute und die Kinder und verbrannten Bodenerträge und Früchte. So musste man bis zum Tod oder zum Sieg kämpfen. Nachdem sich der Kampf in allen Gegenden Libyens verbreitet hatte, entschied sich Umar Al-Muchtâr nach Ägypten zu gehen, um sich mit dem Fürsten Idrîs As-Sanûsî zu treffen und von ihm Anweisungen für den bewaffneten Kampf zu erhalten.

Auf dem Weg seiner Rückkehr von Ägypten nach der Kyrenaika über As-Sallûm teilten die Spione der italienischen Armee ihren Führern mit, dass Umar Al-Muchtâr die östliche Grenze überquerte. Sie stellten eine Falle für ihn auf, um ihn zu verhaften. Als Umar Al-Muchtâr und seine Gefährten erschienen, feuerten die Feinde ihre Maschinengewehre auf sie ab. Die Kämpfer konnten ihnen jedoch entgegentreten. Sie stürzten sich auf die italienische Truppe und vernichteten sie vollkommen. Der Name von Umar Al-Muchtâr glänzte am Himmel des bewaffneten Kampfes, wobei die Jungen und die Alten ihn als einen hervorragenden Führer sahen, der den Angriff und taktischen Rückzug beherrscht. Die Stämme, die sich in den Bergen aufhielten, schlossen sich ihnen an und das Volk hatte Mitleid mit ihm. Sie unterstützten ihn nach ihrem Vermögen mit Vorräten und Waffen.   

Der große Kämpfer gönnte sich keine Ruhe. Die Oberhäupter seines Stammes versuchten einmal ihn wegen seines fortgeschrittenen Alters am bewaffneten Kampf zu hindern, worauf er zu ihnen sagte: „Was ich beschreite, ist der Weg des Guten. Wer mich davon abhält, ist mein Feind. Niemand darf mich daran hindern!“ Die Kanonen der italienischen Armee hatten keinen Erfolg bei der Abwehr der Angriffe von Umar Al-Muchtâr und dessen Gefährten. Sie versuchten ihn zu beugen und ihn mit Geld zu bestechen. Sie versprachen ihm ein luxuriöses Leben. Jedoch weigerte er sich und begann seine Heimat mit allen Kräften zu verteidigen. Er brachte den Italienern sowohl bei Menschen als auch bei Ausrüstungen viele Verluste bei. Dies veranlasste Mussolini dazu, Marschall Badoglio zum Herrscher von Tripolis und der Kyrenaika zu ernennen. Als er nach Libyen kam, begann eine neue Epoche des Kampfes in der Kyrenaika und im Dschabal Achdar.

Der neue Herrscher rief Umar Al-Muchtâr zum Beenden des Streites auf. Umar nahm es gemäß Bedingungen an, die Ehre und Macht für seine Heimat beinhalteten. Die Italiener versuchten jedoch ihn zu betrügen. Ihr Verrat wurde offenbar, als die italienischen Flugzeuge auf Umar Al-Muchtâr und dessen Kampfgefährten Bomben abwarfen. Der Kampf begann erneut.

Im Oktober 1930 verwickelten die Kämpfer die Italiener in einen großen Kampf, wobei die Italiener nach diesem Kampf die Brille von Umar Al-Muchtâr fanden. Sie fanden weiterhin sein bekanntes Pferd tot auf dem Schlachtfeld. Graziani, der Vertreter von Marschall Badoglio, sagte drohend: „Heute haben wir die Brille von Umar Al-Muchtâr, morgen nehmen wir seinen Kopf.“ Umar widerstand ihnen, während er sich mit dem Glauben wappnete, bis der Held in Gefangenschaft geriet, worüber sich Italien sehr freute.

Es wurde eine Gerichtsverhandlung einberufen und der Galgen errichtet. Man brachte den großen Helden Umar Al-Muchtâr mit gefesselten Händen und verurteilte ihn zum Tod durch Erhängen, und zwar in einem Schauprozess, der nur eineinviertel Stunden dauerte. Der Scheich war damals 70 Jahre alt. Der große Kämpfer ging mit festen Schritten und einzigartiger Tapferkeit zum Strang. Seine Zunge hörte nicht auf, beide Glaubensbekenntnisse auszusprechen, bis das Todesurteil an ihm vollzogen wurde. Als sie feststellten, dass er noch nicht verstorben war, hängten sie ihn noch einmal am Galgen auf.

Der Held verstarb als Märtyrer, nachdem er die Freiheit und die Ehre in den Seelen seines Volkes verankert hatte. Allâh verwirklichte das, was wir wünschen. Die Sonne der Freiheit ging also wiederum in Libyen auf, denn Italien zog sich von dort zurück. Libyen erhielt im Jahr 1951 seine Unabhängigkeit. Die islâmische Welt im Allgemeinen und das libysche Volk im Besonderen vergessen nicht einen seiner hervorragenden Kämpfer, der alles, was er besaß, für den Sieg des Islâm und die Unabhängigkeit seiner Heimat geopfert hatte.

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